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Unterwegs in Frankreich

Exakt neun Wochen sind wir zu zweit mit den Fahrrädern unterwegs: Von Graz über Oberitalien nach Frankreich. Dieses durchqueren wir von Ost nach West teilweise über das Zentralmassiv, dann geht's die Atlantikküste entlang in die Bretagne bis zum westlichsten Punkt von Frankreich. Saint Malo, Le Mont Saint Michel folgen und wir folgen dann der Seine mehr oder weniger bis Paris. Von hier radeln wir nochmals ans Meer, um im großen Bogen über Calais nach Belgien und schließlich nach Deutschland zu gelangen. Dem Rhein und dann dem Main folgend strampeln wir bis Bamberg, jetzt nach Süden, so dass wir schließlich durch Oberösterreich zurück in die Steiermark kommen.

   Wie das Wetter war? Darüber gibt es zwei Versionen. Einig sind wir uns nur darüber, dass es nicht 63 Tage lang nur schön sein kann. 

   Keinerlei Unglück, keine nennenswerten Pannen, viele nette Menschen und unzählige Eindrücke, die sich erst nach und nach einordnen lassen, das bringen wir heim. 

Österreich und Italien

Das fängt ja gut an: Kaum unterwegs halten wir in Wies in der Steiermark an einer breiten Hauseinfahrt, vermutlich um uns auszuziehen. Ein Fenster geht auf und eine freundliche Frau fragt, ob wir einen Kaffee wollen. Wir wollen und freuen uns über ein sehr nettes Gespräch. 

Zügig gelangen wir zur Hängebrücke Sta. Lucia, kochen und legen uns schlafen. Gegen Mitternacht werden wir durch Kirchenglocken geweckt und 40 Minuten später wandern laut ratschend weit über 100 Wallfahrer und Pilgerinnen mit Stirnlampen an uns vorbei. Es sind die Teilnehmerinnen am Jauntaler Dreibergelauf am sogenannten "Dreinagelfreitag", dem 2. Freitag nach Ostern. Jeder zweite Pilger macht natürlich eine Bemerkung über die Radler, die da schlafen.

   Die nächste Nacht verbringen wir wieder an der Gail, wo wir eine junge Schweizerin treffen, die mit dem Fahrrad und Zelt nach Georgien will. Die hat aber noch länger Zeit als wir. 

In Gemona spricht mich ein alter Mann, der im Wohnmobil mit seiner Frau hier ist, an und fragt, wie die Pizza ist. Ich erkenne in ihm rasch einen Kollegen, mit dem ich mich vor rund 40 Jahren bei der Sportlehrerausbildung gut verstanden habe. Begeistert erzählen die beiden von ihren Mountainbiketouren in der Umgebung. Klein ist die Welt!

   Es geht weiter über Verona und den Iseosee nach Bergamo, dem wir ein bisschen mehr Zeit widmen: Die Oberstadt ist ja durchaus sehenswert. Schließlich in Mailand bleiben wir 2 Nächte, um die Innenstadt und besonders den Dom doch etwas eingehender kennen zu lernen.

Nahe Turin am Po suchen wir uns dann ein Platzerl und finden was besonders Schönes und Einsames. Und bald gibt's die erste Bergwertung: Für uns eher unerwartet ist es das Susatal bis Oulx. Wir merkten zwar jedes Mal mit dem Auto, dass der Treibstoffverbrauch hier spürbar ansteigt, haben das aber offenbar verdrängt.

Jedenfalls mussten wir uns an diesem Abend wieder mit einer Pizza belohnen.

Frankreich

Die erwartete Bergetappe des nächsten Tages, das Col de Montgenevre, war dafür richtiggehend harmlos. Bald zweigt hier für Radler die alte Straße ab und man gelangt autofrei in beeindruckender Landschaft auf den altbekannten Pass. Links und rechts der Straße ist noch Schnee hier. Und dann ist's schon ein eigenes Gefühl, mit dem Radl hinunterzubrausen und einmal so durchs altbekannte Briançon zu kommen. 

Wir übernachten schon bald in La-Roche-de-Rame und so wird es fast ein halber Rasttag.

   Westwärts strampeln wir zur Ardecheschlucht, von der wir schon manches gelesen haben. 

Diese ist wirklich ein besonderes Naturjuwel - lediglich an der berühmten Pont-d'Arc sind mehr Leute. Und anschließend gehts hinauf ins Zentralmassiv. 1500Hm fast in einem pedalen wir bergan und gelangen schon in leichtem Regen zu einem offenbar von Jakobswegpilgern frequentierten Platz: Aufenthaltsraum, Kochgelegenheit macht 15€ für beide. Ähnliches erleben wir dann auch in Nasbinals, wo wir gar nur 10€ löhnen. Hier sind wir mitten in der rauen, windumtosten Natur, wo wir untertags kaum einmal Menschen antreffen. So kommt's auch, dass wir etwa stehend frühstücken...

   Bei Rocamadour machen wir wieder 2 Nächte halt, um die legendäre Ortschaft und anderntags die berühmte Höhle Goffre de Padirac in der Nähe zu besichtigen. Sehr beeindruckend steigen wir zuerst in die Tiefe, dann fahren wir gar mit dem Boot tief unter der Erde ein Stück...

   In Rauzan werden wir gefragt, ob wir einen normalen Platz etwas teurer oder den für Radler haben wollen. Dieser bietet ein großes Aufenthaltszelt mit Gaskocher, Licht und Strom zum Smartphoneladen - nur, es könnten auch andere Radler kommen. Was für eine Frage!

So gelangen wir über Bordeaux an die Gironde, dem Zusammenfluss von Dordogne und Garonne, einem berühmten Ästuar, den wir mit der Fähre überqueren. Vom zauberhaften Zeltplatz im alten Kastell von Blaye erahnen wir erstmals auf dieser Reise so richtig den Atlantik. 

Wenig später zockeln wir schon über die 3km lange Brücke mit eigenem Radfahrstreifen auf die Île de Re. Vögel und Blumen wollen wir hier anschauen, auch einen hübschen Leuchtturm gilt es zu besteigen - allein das Wetter hat hier kein Erbarmen. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die Insel ganz auf Radreisende ausgerichtet ist: So ein dichtes Radwegenetz auf so einer relativ kleinen Insel überrascht uns.

Und kurz nachher auf Morbihan, wo wir zur Naturbeobachtung wieder länger bleiben, reicht es mit der Kälte: Georg kauft einen Pullover und eine Haube, und das Mitte Mai!

   Durch Vannes und Quimperle, dann über Brest gelangen wir zum westlichsten Punkt Festland-frankreichs, dem Pointe de Corsen. Windig und rau, gleichzeitig strahlend schön - so präsentiert sich die spärlich bewachsene Landschaft hier. 

Wieder einen ganzen Tag nehmen wir uns Zeit für die Île de Brehat, auf der keine Autos verkehren - dafür umso mehr Touristinnen. Und sie ist zum Staunen schön! Mich fasziniert zum Beispiel eine alte Gezeitenmühle für Getreide. Wegen des sehr großen Tidenhubs gibt es jeweils ganz verschiedene Ein- und Ausstiegsstellen für die Fähre.

   Es folgt das Cap Frehel, wo es einen Orchideenweg geben soll. Herrlicher Strand nahe dem Camping, Traummorgen, Landschaft großartig - Orchideen eher nicht so.

Saint Malo und Le Mont-Saint-Michel liegen sodann auf unserer Strecke. Für die berühmte Burgstadt, die bei Ebbe trockenen Fußes zu erreichen ist, nehmen wir den frühen Morgen, da ist nichts los dort und der Sonnenaufgang eine Augenweide.

Bayeux steuern wir extra an wegen des berühmten Wandteppichs, allein im letzten Augenblick kommen wir drauf, dass das Museum leider wegen Renovierung geschlossen ist. 

   In Honfleur probiere ich nochmals Galetten, jene aus Buchweizenmehl gemachten Crepes - aber sooo besonders finde ich sie nicht.

Die Pont de Normandie, mit der man die Seinemündung überwindet, ist nur knapp mehr als 2km und für Radlerinnen gratis. Mein Respekt war zwar unbegründet - ich hatte so manche Schauergeschichte gelesen - , aber dumm gelöst ist die Radlerfrage dennoch: Ganz außen findet sich ein baulich getrennter Fußweg, fast zu schmal für Fahrräder, innen daneben nur durch eine Bodenmarkierung getrennt, ein Radstreifen. Hätte man die bauliche Trennung weiter innen und dafür einen breiten Rad- und Fußweg gemacht...

Aber mich fragt ja keiner. 

Diese Brücke leitet nach Le Havre und dann oft der Küste entlang nach Norden.

Etretat, ein weiteres Highlight,  war der Vorschlag von Gerti und auch ich bin voll begeistert: Schon die Anfahrt führt durch großartige Landschaft. In einem kleinen Geschäft in einem Ort, knapp bevor es runter geht zum Meer, fragt Gerti, ob es Nadel und Zwirn zu kaufen gibt. Die Ladeninhaberin verneint bedauernd, fragt aber, ob Gerti gleich was nähen wollte. Gerti zeigt ihr die aufgerissene Naht an der Hose, worauf die Madame eine Lade öffnet und ihr Zwirn und Nadel gibt, womit Gerti die Sache gleich im Stehen erledigen kann...

   Freilich sind viele Leute im weithin bekannten Ort mit den protzigen Natursteinbögen, einen Besuch sind sie dennoch allemal wert.

   Und dann ab, mehr oder weniger die Seine entlang, nach Paris. Hier treffen einander am Camping viele Radler und Wanderer aus jeder Himmelsrichtung. Unsere Nachbarn etwa kommen aus Südafrika, starteten in Frankreich und radeln nach England. Auch der Mann steht früh auf wie wir, schaut mir eine Weile beim Kaffeekochen sowie Zeltzusammenlegen zu und meint dann: "You are very efficient!". Der Platz ist teuer, kostet aber auch nicht mehr als so mancher in Oberösterreich! Wir nehmen uns einen Tag für die beeindruckenden Sehenswürdigkeiten wie Arc de Triomphe, Montmartre, Notre Dame und Eiffelturm. Beeindruckend ist auch der Verkehr: Radlerinnen sausen dir um die Ohren, zeigt die Ampel Rot, gilt das als Empfehlung, Schnelligkeit ist Trumpf. Und Gerti ist Georg stets wacker auf den Fersen.

Einmal noch zieht es uns ans Meer, das wir in Equihan Plage genießen, nein, nicht zum Schwimmen, zum Anschauen. Aber dann runden wir unsere Linie über Calais ab und streben nach Süden.

Belgien und Deutschland

Belgien durchqueren wir ziemlich genau entlang der Sprachgrenze flämisch/französisch. Es besticht durch seine Fahrradfreundlichkeit: Beste Radwege, günstige, stets auf Radlerbedürfnisse abgestimmte Campings - und rücksichtsvolle Menschen. In Geraardsbergen etwa erstehe ich einen neuen Kopfpolster, sofort werden wir ausgefratschelt, woher wir kommen, wohin wir wollen und dann mehr ein Auftrag als ein Tipp: Die Muur. Sie sei Etappenziel bei irgendeiner Rundfahrt und so ein schöner "Berg". Also strampeln wir die gut 100Hm extra hinauf. Nett, ja. Aber "Berg" mit "Aussicht"?

Brüssel darf freilich nicht fehlen: Wir kommen am Morgen in eine "Bäckerei", wo was von "petit dejeuner" steht, allein: Der Kakao wird im Pappbecher ausgeschenkt, zum Sitzen gibt es keine Gelegenheit. Also hinaus, wo es inzwischen regnet, was bedeutet: Stehfrühstück neben ein paar Sandlern. Neben dem eindrucksvollen "Großen Platz" kommen wir zur Figur des pissenden Jungen, einem "Wahrzeichen" Brüssels. Na ja, selten so gelacht. Das Atomium hingegen finden wir schon sehens- und besteigenswert mit seiner Geschichte, seiner Aussicht.

Über Vaals sind wir gleich zum leckeren Frühstück in Aachen und das muss schon einmal gesagt sein: In Italien gibt es Cornetti und Kaffee, in Frankreich Croissants und vor allem Pain aux raisins und auch überall heiße Schokolade. Aber die reichhaltige Auswahl von pikant bis süß, die man in Deutschland und Österreich findet, ist schon erwähnenswert. Und wir ernteten nicht selten leichtes Erstaunen, dass wir sowohl süß als auch pikant bestellten und dann noch Brot oder Weckerl und noch was Süßes für den Nachmittagskaffee mit nahmen. Aber so viel essen können wir gar nicht, dass wir auf so einer langen Reise nicht abnehmen. Und die Smartwatch meldet denn auch: Trainingsstatus übertrieben:))

   Zurück nach Aachen. Von hier nach Bonn am Rhein sind wir schnell und folgen dem Fluss bis Bingen. Gerti ist irgendwie auf den Mainradweg gestoßen, und so binden wir noch 3,5 Tage auf diesem beschaulichen Flussradweg ohne nennenswerte Steigungen ein. Über Frankfurt folgen wir jeder Schleife und erst im sehenswerten Städtchen Bamberg zweigen wir endgültig nach Süden ab. 

Am Ende eines durchgehenden Regentages kommen wir nach Kipfenberg an der Altmühl. Mürrisch/ungläubig werden wir gefragt: Zelten? Ihr wollt wirklich bei dem Regen euer Zelt aufstellen? - Ja, warum denn nicht. Als Kontrast zum umständlichen Aufnahmeprozedere gibt es aber überdachte Sitz- und Kochgelegenheiten und sogar einen Aufenthaltsraum. Einen heißen Tag später haben wir in Dingolfing schon wieder alles vergessen. Dieser Campingplatz ist spottbillig, im Aufenthaltsraum ist der Kühlschrank mit kühlen Getränken zu je 1€, ja, auch  Bier, gefüllt. Kaffee aus der Kaffeemaschine ist gratis und als Gerti nach Eiern - weil Bauernhof - fragt, bekommen wir die auch noch geschenkt. 

Heimkommen

Ein witziges Gefühl. Da ist der Inn, dessen Radweg wir ja schon mehrmals teilweise gefolgt sind, und schon sind wir wieder in Österreich. Immer vertrauter wird die wunderschöne Landschaft: Der Traunfall, der Traunstein taucht auf und dann schon das Kremstal mit Schlierbach. Ein ausnehmend schöner Platz ein Stück ober dem Tal mit Blick auf das Stift Schlierbach, die Kremsmauer, das Warscheneck und das Sengsengebirge bietet viel fürs Gemüt. Wir gelangen an die Steyr, nach Windischgarsten, wo eine kleine Reparatur (Tretlager) prompt erledigt wird und endlich über den Pyhrnpass in die Steiermark. Und schon ist es ein letzter Einkauf für's Abendessen, ein letztes Zeltaufstellen in Gaishorn. Die Kassiererin nimmt sich nett einige Zeit, um zu plaudern, zu erzählen von ihren überwiegend guten Erfahrungen mit Campern. Wir kochen anschließend ein letztes Mal: Couscous mit Gemüse für Gerti, mit Leberknödel für Georg, dazu Paradeiser als Salat, Joghurt als Nachspeise und Prinzenrolle als Betthupferl zum letzten Schachspiel. 

Die abschließenden Kilometer nach Graz gehen ganz leicht, werden noch durch Kaffee, Eis und Torte in Frohnleiten versüßt - und schon sind wir zu Hause. 

Aber um wirklich anzukommen brauchen wir Zeit. Zeit, Eindrücke aus 63 Tagen zu verarbeiten, die Seele nachkommen zu lassen. 

   Fazit: Nie haben wir wem zugestimmt, dass wir eine ach so tolle Leistung vollbringen. Vielmehr waren und sind wir uns bewusst, dass es ein großes Geschenk ist, dass wir in unserem Alter beide so was machen mögen, dass wir die Ideen, die Energie und vor allem die Gesundheit haben.

   Schön wars! Und wenn du auf den Geschmack gekommen bist: Nachmachen!

 

Wenn es dich interessiert, kannst du jede Tagesetappe auf komoot nachverfolgen. Nur zur Info: Weil mir die Durchschnittsgeschwindigkeit wirklich gleichgültig ist, habe ich die jeweilige tägliche Aktivität mit meiner Coros Nomad vom Start bis zum Ziel aufzeichnen lassen, also auch alle Pausen getrackt.

Und wenn du sehr ausdauernd bist, findest du unter dem nachfolgenden Link auch ein paar Fotos:))

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